Damians Tintenher(t)z – KISS – Monster – Rezension
Künstler: KISS
Release: Monster (CD/LP)
VÖ: 05. Oktober 2012
Label: Universal Music Enterprises
Wir schreiben das Jahr 1984.
Zu meinem elften Geburtstag erhielt ich ein Geschenk, das im Nachhinein betrachtet mein zukünftiges Leben weitestgehend beeinflussen sollte:
Einen Schallplattenspieler.
Fast müsste ich nun die Phrase bemühen, das die Jugend von heute ja gar nicht mehr weiß, was eigentlich Schallplatten sind. Sei es eine LP oder auch die kleinere Ausgabe davon, die Single. Jene riesigen, runden, oft schnell zerkratzten und bereits nach kurzem Gebrauch in monotone Dauerschleifen springenden, mit Schallsignalen bestückten Platten. Der fast schon sicher geglaubte Tod erfolgte mit der Markteinführung der CD.
Gehasst, verdammt, meist totgeliebt.
Glücklicherweise haben sich aber einige Künstler die Arterhaltung dieses Kleinods auf ihre Fahnen geschrieben und durch die in der Mitte der 90er Jahre aufkommende Techno-Bewegung und der damit verbundenen DJ-Kultur erlebte die fast schon totgeglaubte Schallplatte eine Renaissance.
Rütteln wir aber den Schreiberling kurz wieder ein wenig wach und reißen ihn aus den schwelgenden Erinnerungen an die Vergangenheit zurück in die Wirklichkeit, naja, nicht ganz die Wirklichkeit, sondern eben in jenes schicksalhafte Jahr 1984. Die Zeit der Hörspiele war für mich vorbei und man fühlte sich ihnen entwachsen. Fand sie kindisch. Die Welt lag vor einem und man war bereit etwas Neues zu erleben, etwas wirklich Neues.
Eine Schallplatte mit Musik.
Für mich als Kind war das ein echt großer Schritt. Ich stiefelte also mit dem zusammengekratzten Geld in den nächstbesten Plattenladen und durchwühlte die Auslagen. Irgendwann stieß ich dann auf dieses Album und das Cover, das mich von Anfang an faszinierte.
Eine wilde Konzert-Szene.
Rauch und bunte Lichter durchpflügen das Bild in dem 4 weiß geschminkte Musiker zu sehen sind, die posenreich und energiegeladen an ihren Instrumenten alles geben. Viele kleine Schweinwerfer bilden den Namen der Band:
KISS
Alive stand auch noch oben in der Ecke und es war ein Doppel-Live-Album, aber das war in jenem Moment nicht wichtig. Auf dem kürzesten Weg ging es zur Kasse, danach stolz mit dem Album unterm Arm heim und ab nach oben ins Kinder-Zimmer. Ich zog das Rollo runter, stöpselte die riesigen Kopfhörer an den Schallplattenspieler und hob vorsichtig den Arm mit der Nadel um ihn kurz nach hinten zu bewegen, damit der Plattenteller aktiviert wurde und sich drehte. Erst hörte man ein leises Publikumsjubeln das immer mehr anschwoll, dann die laute Stimme eines Mannes:
„Ladies and Gentleman, you want the best and you got the best! The hardest band in the world: KISS!“
Es war Liebe auf den ersten Blick, besser gesagt Ton. Ich tauchte ein in diese Welt, war fasziniert und gebannt und wusste:
„Ich werde Rockstar! Das ist mein Schicksal…“
2012.
Den jungen Mann gibt es immer noch.
Na gut, nicht mehr ganz so jung und aus dem festen Wunsch, quasi der Bestimmung zum Rockstar, ist auch nicht so richtig viel geworden. Also…genauer gesagt….gar nichts. Aber, und das ist noch viel faszinierender, auch KISS gibt es noch.
Die mittlerweile legendären Rockhelden meiner Kindheit feiern tatsächlich das unfassbare 40. Bandjubiläum in diesem Jahr und legen mit „Monster“ ein brandneues Studioalbum, mittlerweile das 20. in der langen KISS-Historie, vor.
Na wenn das kein Grund für eine derartig lange Einleitung ist…
Entweder man liebt KISS oder man kann nichts mit Ihnen anfangen. Dazwischen gibt es eigentlich nichts. Die maskierten Musiker, die anfänglich gerne in das Glam-Rock-Genre gesteckt wurden, polarisieren seit jeher. Dem einen war das Auftreten zu pompös, dem anderen war die musikalische Breite nicht genug. Die Showeinlagen mit Kunstblut und das Feuerspucken auf der Bühne waren nun mal nicht jedermanns Sache. Aber egal ob man sie mag oder nicht, man kommt an einer Bewunderung der langen Karriere nicht vorbei. Und den bekanntesten Hit von KISS „I was made for lovin’ you“ kann eh jeder mitträllern und ist auch heutzutage noch ein Stimmungsgarant auf jeder Party.
Wer die Band liebte, dem gab KISS das volle Spektrum an Rock’n Roll-Rebellion. Klarer, trotzdem dreckiger und griffiger Gitarrenrock. Eine tiefe Bassline und ein Schlagzeug, das den Songs vom „Way of Life“ und „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ die nötige Wucht verleiht.
Mit dem zwanzigsten Album haben KISS nun ein „Monster“ erschaffen.
Symbolisch wird so auf das wilde, kreative und lebendige Wesen der Gruppe hingedeutet, das die Band nach eigener Aussage selbst nach 40 Jahren immer noch belebt und zu neuen Taten antreibt. Gleichzeitig weisen KISS auch besonders daraufhin, dass man mit dem aktuellen Neuling zu den Wurzeln zurückgefunden hat. Keine Balladen, nichts was das Album in irgendeiner Weise verweichlichen könnte oder Energieverlust bedeuten würde, sondern ausschließlich schnelle Songs aus purem Rock’n Roll. Direkt durchstartend und unverkennbar KISS. Weiter wurde auf jegliche fremde Hilfe verzichtet. Das Album wurde komplett in Eigenregie erarbeitet, vom Songwriting bis zur Produktion von „Monster“, alles blieb in den Händen von Gene Simmons, Paul Stanley, Tommy Thayer und Eric Singer. Die Verantwortung lag dabei meistenteils beim „Starchild“ Paul Stanley, jedoch waren stets alle vier Musiker bei den Aufnahmen anwesend und in ihren jeweiligen Bereichen aktiv am gesamten Album beteiligt. Das findet sich auch beim Hören wieder. Schon beim ersten Song „ Hell or Hallelujah“ hat man das Gefühl eine Zeitreise zu den Anfängen der KISS-Ära zu erleben. Man wird erinnert an Lieder wie „Deuce“, „Strutter“ oder auch „Hotter than Hell“. Ein Paul Stanley in Bestform, dessen Stimme wie eh und jeh charismatisch über dem fantastischen Sound schwebt. Seine und Tommys Gitarre mit dem prägnanten Riffs vereinen sich zu einem Rhythmus, in dem man unweigerlich die Handschrift der Veteranen erkennt. Genes Bass, tief und mächtig eingespielt, gibt den leicht dreckigen Sound früherer Jahre perfekt wieder. Eric ist am Schlagzeug wieder einmal der perfekte Mann um das ganze musikalische Geflecht zusammenzuhalten und in die richtigen Bahnen zu lenken.
Das ist der Sound von KISS, damals wie heute. 40 Jahre sind ein Tag. Schließt man die Augen gibt es kaum einen Unterschied zu früher, weder im Gesang, noch in der Musik. Und sie haben tatsächlich Wort gehalten. Es gibt keinen Song der ausbricht, der nicht auf dieses „Monster“ passt. Das Album beinhaltet 12 Songs, bzw. im digitalen Download bei Itunes sogar 13 Tracks, voller typischer KISS Anekdoten. Natürlich sind alle Themen schon irgendwo einmal besungen worden, alle leidenschaftlich von Paul Stanley und Gene Simmons vorgetragenen Lieder irgendwie in 40 Jahren Bandgeschichte schon einmal zu finden, trotzdem steht jeder Song für sich und ist genau richtig, so wie er ist. KISS bleibt sich treu, experimentiert nicht mit unnötigen Stilarten und erfindet sich nicht neu, viel mehr findet man wieder zu sich selbst. Mehr denn je scheint KISS frischer und lebendiger. Genes Stimme röhrt tief und voluminös, dämonisch und kraftvoll wie in den Anfangsjahren. Spielerisch leicht klingen die Gitarren mit Solis an der exakt richtigen Stelle. Wie die Band das schafft bleibt ihr Geheimnis. Die Musiker halten ihr Wort und haben nicht zu viel versprochen. „Rock’n Roll all Nite, a Party every Day“. Wie ein roter Faden zieht sich die persönliche, musikalische Wiederbelebung durch das Album, findet man in jedem Track ein Stück Ursprung und Verbeugung vor der eigenen Geschichte.
Reflexion des Albums:
Großer Respekt. Nostalgisches Ohrenkino.
Schieben wir mal das Alter der Herren beiseite, das ja nun auch schon „etwas“ höher angesiedelt ist, hat man tatsächlich das Gefühl eine vertonte Zeitreise zu den eigenen Wurzeln zu erleben. Zu keiner Zeit klingt „Monster“ bieder. Kein Song ist zahm, fad oder gar kraftlos. Natürlich muss man den Stil der Altrocker und das Genre mögen, ein Fan der frühen musikalischen Rock- und Hardrockgeschichte sein um sich im Klang, dem Rhythmus und der Lebens-Art der Tracks richtig wiederfinden zu können. Wer sich jedoch dieser musikalischen Art verschrieben hat, bekommt ein Stück besten amerikanischen Rock’n Roll’s geboten. Frisch und unverbraucht.
Und überhaupt, wer 40 Jahre Bandgeschichte hinter sich gebracht hat, dürfte sich eigentlich getrost zurück lehnen und die Früchte seiner Arbeit auf dem großen Rock-Olymp genießen. Rock-Rentner sein. Legende a.D.
Doch ist das musikalische Altersheim etwa nun „monstermäßig“ in Sicht?
Weit gefehlt bei KISS!
Man zelebriert den Hardrock, man feiert die eigene Geschichte, dein eigenen unverwechselbaren KISS-Sound.
„Monster“ kommt wie ein Vierzigjähriger daher, der den unbeugsamen Enthusiasmus eines Newcomers hat und die Welt aus den Angeln heben will.
Paul, Gene, Tommy und Eric leben und beleben sich selbst auf höchstem Niveau und kreieren mit „Monster“ einen melodischen Jungbrunnen. Mit diesem Album werden tatsächlich alte, gute Zeiten wieder lebendig und bekommen neues, frisches Leben eingehaucht.
Danke KISS.
Und ich gehe jetzt los und werde?
Logisch…Rockstar!
Scheinbar ist man ja nie zu alt…..
Letzte Einträge
- CD Rezension: CIRCLE OF SILENCE – The Rise Of Resistance
- METAL AID 2013 – Benefizkonzert im Markt 17
- METAL AID 2013 – Benefizkonzert im Markt 17
- Groezrock Festival 2013 – Tag 2
- Eventguide: Blackfield Festival 2013
- Groezrock Festival 2013 – Tag 1
- Damians Tintenher(t)z – Corvus Corax – Sverker (DVD/CD) – Rezension
- CD-Review: Suidakra – Eternal Defiance
- CD-Review: Cardillac Complex – Forgotten Reasons
- CD-Review: SACRED GATE – Tides of War


















