Damians Tintenher(t)z – Amperitiv 2012 – Corvus Corax auf Sverker-Tour

Damians Tintenher(t)z – Amperitiv 2012 – Corvus Corax auf Sverker-Tour …oder was die Dachauer aufzogen um den Münchnern das Fürchten zu lehren.

Scheinbar die halbe Welt feiert gerade die Wiesn 2012 und genießt das Leben (oder wofür man es hält) in vollen Zügen auf dem Münchner Oktoberfest. Was spricht also dagegen genau zu dieser Zeit ein kleines Festival in direkter Nähe zum gigantischen Nachbarn, eben jener südlichen Millionenmetropole, zu veranstalten und musikalisch dagegen zu halten? Ja, wohl so ziemlich alles. David gegen Goliath. In diesem Fall ein kultureller und vokaler Kampf zwischen Schwergewicht und dem mit viel Wohlwollen ins Weltergewicht zugeordneten Außenseiter. Also Licht abdunkeln und Plätze einnehmen.

Ladies und Gentleman, let’s get ready to rumble.

In der blauen Ecke der Champion. 6,9 Millionen Besucher schwer. Ein Bierausschank der 7,5 Millionen Maß umfasst und einem Brathendlverzehr von 522.821 Stück. Das Graceland aller Feier-und Trinkwütigen.

Der unbesiegte und einzigartige Champion….Müünnnnchennnnnnnnnnn.

Und der Herausforderer. Nach einem Jahr Pause greift er wieder an. Klein und familiär. Allwetterfest. Charmant. Durchtrainiert und leichtfüßig. Das Festival der Herzen.

Ladies und Gentleman, meine Damen und Herren… ….aus dem Hause Dachau….das Amperitiv 2012.

Ja, sowas ist wirklich selten. In eben jenem Dachau, das nur wenige Kilometer entfernt nördlich an München angrenzt, versucht man tatsächlich noch dem Besucher ein breit gefächertes, kulturelles Angebot zu präsentieren. Hier findet man sogar auch noch Menschen aller Altersgruppen, die stolz auf ihre Stadt, liebevoll Chaos-City genannt, sind. Eine Stadt die ihrerseits nichts unversucht lässt, um so viele verschiedene Veranstaltungen wie möglich durchzuführen um den dortigen Menschen so Kurzweil und Abwechslung zu bieten. Das verdient schon mal Respekt. Besondes großen Respekt deshalb aber auch, weil man wirklich bereit ist, über den oft stark begrenzten, eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und verschiedensten Musikstilen und Richtungen eine Chance und eine Bühne zu geben. Das verdient Nachahmung liebe Gemeinde- und Stadtväter in Nord, Süd, Ost und West. Man erntet immer was man sät, aber das ist ja für euch eine leider oft unbekannte Bauernregel!

Und so kam es also, das wir vom Laberplaneten uns tatsächlich an einem Montag Abend auf dem Weg nach Dachau machten, um dort eine ganz besondere Band auf unsere Speicherkarte zu bannen.

Corvus Corax, die Könige der Spielleute. Langjährige, ehrenvolle Kultur-Attachès der Mittelaltermusik. Unbestritten zu den ganz Großen Ihres Genres gehörend, beehrten sie Dachau und präsentierten ihr neuestes Album „Sverker.

Als wir eintrafen waren bereits etwa 150 Menschen dem Ruf der Rabenväter gefolgt und hatten sich in dem charmanten Zirkuszelt, das als stimmige und reizvolle Bühne diente, versammelt. Das Wetter hatte in den letzten Tagen ordentliche Sprünge in den Temperaturkeller gemacht und so war es nicht verwunderlich, dass die meisten Besucher dieses relativ kühlen Abends sich nur kurz im Freien aufhielten und von dem dortigen Angebot an Schlemmereien und Getränken Gebrauch machten. Das Zelt selber erwies sich als eine tolle Location. Der Himmel im Inneren, der aus goldschimmernden Sternen auf tiefblauem Untergrund bestand, erweckte das Gefühl unter dem freien Sternenhimmel zu sitzen und verlieh der Stimmung einen zusätzlichen magischen Hauch. Wenn schon Mittelaltermusik bei einer Indoor-Veranstaltung, dann bitte so. Eine tolle Wahl des Veranstalters. Außer den Sitzen am Rand des Zeltes, die sich leicht ansteigend einmal um das komplette Rund durchzogen, war der komplette Innenbereich für die Besucher frei gegeben und da es kein Pressegraben oder eine ähnliche Absperrung gab, war die leicht erhöhte Bühne der Musiker keinen halben Meter von den Menschen entfernt. Näher geht nimmer. Der natürlich vorhandene Merchstand und eine weitere Theke für die Getränkeschnellversorgung rundeten das Gesamtbild ab.

Als Support war eine Gruppe aus dem Münchner Raum eingeladen worden: Musica Immortalis. Die Mitglieder der Band erklommen unter Beifall, in ein tiefrotes Licht getaucht, die Bühne und geleiteten mit einer schönen Song-Auswahl, mal langsam und mal schneller, in den Abend. Stets hatten Lucipher, der die meisten Ansagen und Einleitungen hatte und seine Bandkollegen Pan Satyrus, Wolf Osman, Silenos Pythaules, Macatus Lanius, Alexei und der einzigen weiblichen Bandkollegin Amelia einen lockeren Spruch auf den Lippen und das Publikum auf ihrer Seite. Sei es bei der allseits bekannten und beliebten Hasenjagd „Ai vis lo Lop“ oder bei den anderen  Liedern über jegliche Sünden in Form von Gier, Masslosigkeit, Wollust und Hass, immer spürte man den Münchnern die Lust und den Spaß bei ihrem Auftritt an. Die talentierte Band beherrscht ihr Repertoire an Sackpfeifen und Schalmeien, Klarinetten und Gitarren, Schlagzeug und Flöten sowie Bässen und Gesang und konnte so schnell eine aufgelockerte und gelöste Stimmung unter den Gästen entfachen. Während sich das Zelt weiter füllte sorgte Musica Immortalis so für einen guten Support und gelungenen Start in den Abend. Gratulation an die Dame und die Herren aus der Dachauer Nachbarschaft.

Setlist:

Gier
Wollust
Masslosigkeit
Hass
Ai vis lo lop
Meine Feder schreibt ein Stück
Heldenlied
Jerusalem
Inferno


Ein kurzer und schneller Umbau, dann war es soweit. Die Zeit der Könige der Spielleute ward gekommen. Corvus Corax eroberten nun die Bühne.

Tiefe Hörner erklangen und ließen das Festzelt erzittern. Die Scheinwerfer tauchten die Bühne in rot und schwarz, dann wieder herrschten Blau- und Grüntöne vor, verwandelten den Ort in ein Pantheon aus Wald und spirituellen Raum voller magischer Wesen und Zaubereien, irgendwo weit weg im Kosmos der Unendlichkeit. Nebelschwaden zogen auf und Jubel der Besucher setzte ein. Wie Nordmänner aus einer anderen Welt und Zeit, aus Sagen und Legenden der Kelten und Skandinavier lebendig gewordene Geschichte, betraten die Mitglieder von Corvus Corax die Bühne, auf die nun alle Augenpaare der Besucher gebannt gerichtet waren. Gekleidet mit ledernen, geheimnisvollen Masken auf dem Kopf. Mythisch und mystisch, bedrohlich und verheißungsvoll, begannen die Mannen aus Berlin und hypnotisierten mit dem tiefen Brummen der Hörner jeden einzelnen der Anwesenden. Man spürte die Klänge und Töne tief in sich, wurde förmlich vom Bild der Bühne und dem atmosphärischen Sound aufgesaugt. Und bereits jetzt hatte man das Gefühl, das sich hier etwas zwischen Corvus Corax und dem Publikum manifestierte. Eine Art Gemeinschaft, eine Einheit, ein unsichtbares Band zwischen Publikum und Corvus Corax. Etwas das es auf den großen Bühnen der Festivals heutzutage leider nur noch selten gibt, da die Weiten zwischen Musiker und Fans oftmals enorm sind und viel von der Publikum- und Bandbindung dabei verloren geht und auf der Strecke bleibt. So etwas gibt es leider nicht mehr auf medialen Großereignissen wie Kaltenberg (eines der größten Ritterfeste in Süddeutschland) und Co. und auch nicht bei einem der anderen zahlreichen Festivals der Szene. Oftmals zu überfüllt, zu laut, zu groß und daher mit schlechten Voraussetzungen für das familiäre Gefühl bei einem Konzert, lässt sich dort kaum ein Band zwischen Publikum und Musikgruppe weben. Hier in Dachau, gewissermaßen unter dem Sternenhimmel dieses Zeltes, war es jedoch da und auch Corvus Corax, die Pioniere der Mittelaltermusik spürten dies scheinbar sofort. Die dichte und tolle Atmosphäre der jetzt anwesenden etwa 300 Besuchern war besser als die erlebte Stimmung auf so manchem Festival vor 18000 Gästen. Wim, Castus und Hatz, Norri und PanPeter, Vit und Steve legten nach dem stimmungsvollen Intro „Gjallarhorni“ und dem anschließenden Titel „Sverker“ die Masken zur Seite und begrüßten herzlich das anwesende Publikum. Die Freude über den tollen Beginn und den warmen Empfang konnte man aus den Gesichtern förmlich ablesen. Gelöst und entspannt griff man zu den Dudelsäcken und präsentierte weitere Stücke, wobei natürlich das aktuellste Werk „Sverker“ im Vordergrund stand. Aber auch ältere Lieder, zum Beispiel von der „Venus Vina Musica“ oder dem Album „Viator“ aus dem Jahr 1998, wurden unter großem Beifall gespielt, wobei sich das Publikum durchweg als sehr textsicher und begeistert erwies. Lediglich als es bei dem bekannten „Trinkt den Met“ darum ging, sich am Corvus Corax-Met zu laben, der von den Musikern durch einen langen Trichter direkt in den Mund der freiwilligen Durstigen verköstigt werden sollte, wollte man zunächst im Publikum sich nicht so recht trauen und musste erst ein wenig ermutigt und dazu animiert werden. Nach dem aber der erste Freiwillige sich bereit erklärt und die Prozedur hinter sich hatte, war auch hier das Eis gebrochen und manch Frau und Mann genoss den Honigwein mal auf eine solch völlig andere Art und Weise. Dann ging es musikalisch weiter. Erzählt wurden zum Beispiel Geschichten von verzauberten Dudelsäcken und anderen wundersamen Wesen. Natürlich auch von der Liebe und deren Auswirkungen oder von trinkgewaltigen Gelagen, von Schlachten und von stolzen Kriegern. Ob gälisch oder flämisch, englisch oder andere manchmal längst vergessene Sprache, Corvus Corax beherrschen die Magie ihrer Musik und man kann ihnen nur dafür Respekt zollen. Ihre große künstlerische Spannweite verwebt die Magie der Träume mit den Mythen und Sagen von fernen Ländern und wecken die Sehnsucht nach Abenteuern und dem Wunsch die eigene, innere Freiheit zu spüren. Immer wieder konnte man den großen Spaß bei jedem Einzelnen an diesem Montag Abend in Dachau erkennen und die Gäste feierten Corvus Corax und sich selbst laut und enthusiastisch, bis sich dann endgültig nach der zweiten Zugabe der imaginäre Vorhang schloss.

Bravo Corvus Corax, bravo Dachau.

Man darf von einem absolut gelungenen und bejubelten Konzert sprechen. Der Veranstalter hat ein wirklich tolles Händchen bei der Auswahl des Supports und des Hauptacts für diesen mittelalterlichen Abend bewiesen und das Amperitiv 2012 und die Dachauer Besucher werden sicherlich auch bei den Königen der Spielleuten in einer wunderbaren Erinnerung verbleiben.

Wir vom Laperplanet gratulieren allen Beteiligten und Anwesenden, an erster Stelle natürlich Corvus Corax und Musica Immortalis für das grandiose Konzert und hoffen auf eine schnelle Wiederholung, natürlich dann auch gerne wieder in Dachau und um noch einmal auf meine Einleitung zurück zu kommen:

The Winner is…..der Besucher dieses Konzert-Abends!

Könnte es so nicht immer sein?

Setlist:

Gjallarhorni
Sverker
Fiach Dubh
Mille anni passi sunt
Venus Vina Musica
Trinkt vom Met
The drinking loving Dancers
Albanisches
La i mbealtaine
Havfru
Spielmannstanz
Filii Neidhardi
Pack
Ragnarök
Bibit Aleum
In taberna
Chou Chou Sheng
Na lama-sa

 

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