Blowsight & Oomph! in der Bochumer Zeche

„Bochum?“„Oomph!“„Bochum!“„Oomph!“ – So schallt es, dem Montagabend zum Trotze, zu später Stunde in beeindruckender Lautstärke durch die Halle der Bochumer Zeche, die an diesem 25. September prall gefüllt mit euphorischen Fans der Wolfsburger Rockformation Oomph! ist.

Restmüdigkeit vom frühen Aufstehen, von Arbeit oder Schule? Nicht mit dem schwedischen Supportact Blowsight! Schon allein der Anblick der vier Jungs lässt ahnen, dass gemütliches Zuschauen wohl eher kein Programmpunkt ist und passend zu großflächigen Tattoos, viel Kajal, Iros & Co. wird auch direkt mit harten Gitarrensounds und Sänger Nick Reds mal klarer, mal gegrowter, kraftvoller Stimme losgerockt.
Stillstehen wird nicht geduldet, die Schweden fordern zum Klatschen und Springen auf und so ist das Eis schnell gebrochen und der energievolle Funke Blowsights auf das Publikum übergesprungen. Mit Songs wie „Bandit for life“ oder „The simple art (of making you mine)“ schafft es die Band wohl mühelos, sich im Gehör der geneigten Menge festzusetzen, sodass sich Sänger Nick irgendwann mit einem breiten Grinsen dazu berufen fühlt, das Publikum daran zu erinnern, dass Blowsight ja eigentlich gar nicht der Hauptact seien. Die daraufhin erklingenden Rufe nach Oomph! werden jedoch schon bald von Forderungen nach einem bestimmten Song abgelöst: Blowsights Cover von Lady Gagas „Pokerface“, welches überraschender Weise jeder noch so harte Metalfan im Saal lauthals mitgrölen kann.
Die schon zu Beginn gezeigte Spielfreude und sprudelnde Energie der vier Musiker überdauert bis zum letzten Song und die lockeren Ansagen von dem alles andere als introvertierten Nick Red führen schließlich dazu, dass Blowsight am Ende ihres Auftrittes ein durch und durch erhitztes Publikum für Oomph! zurücklassen und sich nebenbei wohl einige neue Fans erspielt haben.


Als die Lichter erneut die Bühne erhellen, fällt der Blick zunächst auf weiße Rettungsringe, gräuliche Holzgerüste – und den riesigen Banner, der das ankündigt, worauf die ganze Zeche wartet. Hände werden erhoben, rhythmisches Klatschen setzt ein und die ersten Matrosen betreten im dämmrig-blauen Licht die Bühne. Der Jubel schwillt an, bis endlich Crap und Flux erscheinen und sofort die Saiten ihrer Instrumente aufpeitschen. Als schließlich Frontmann Dero im roten Cape über dem Matrosenanzug auf die Bretter stürmt und mit seiner markanten Stimme „Unzerstörbar“ anstimmt, hat sich die Menge bereits in ein gewaltiges Gemisch aus Jubel, Applaus und erhobenen Händen verwandelt.
Mit „We will rock you“ bekommt das Publikum direkt seine Chance, Taktgefühl und Lautstärke beim Mitsingen unter Beweis zu stellen, dann geht das Stück jedoch in das allseits bekannte „Labyrinth“ über. Während Dero überaus gekonnt den Wahnsinnigen auf der Bühne mimt und neben dem Gesang auf seine Trommel eindrischt, macht die Menge durch Springen, Moshen und Singen ihre Begeisterung deutlich.
Dass auf Deros Frage „Wollt ihr Spaß?“ nur frenetischer Jubel folgt, zaubert trotz dieser recht absehbaren Antwort ein zufriedenes Lächeln auf die rot bemalten Lippen des Sängers und prompt geht es weiter mit „Mein Schatz“.

„Na, wenn das der Herbert wüsste!“, wird das Publikum getadelt, als der Applaus zur kleinen Einlage des Grönemeyer-Songs „Bochum“ eher verhalten erklingt und stattdessen andere Herkunftsstädte der Zuhörer in den Saal gerufen werden. Nachdem dann geklärt ist, wer nun aus Dortmund und wer aus Gelsenkirchen kommt, wird die Diskussion um die Frage, wer im Fußball Meister wird, von Dero unterbrochen, der nun etwas älteres ankündigt – und Gitarrist Flux der gönnerhaft applaudierenden Zuhörerschaft vorstellt.

Als eigentlicher Grund für diese Ankündigung entpuppt sich dann „Das weiße Licht“. Untermalt wird das Ganze stilvoll von einer kleinen Stripeinlage Deros, der sich die rote Badehose von dem weißen Matrosenoutfit zieht und sie zielsicher Richtung Techniker hinter der Bühne fliegen lässt, während sich das johlende Publikum passend zum melodischen Refrain des Stücks in ein wahres Händemeer verwandelt.
Das folgende „Bis der Spiegel zerbricht“ widmet Dero mehr oder weniger liebevoll Justin Bieber, danach wird das Publikum nicht zum ersten Mal an diesem Abend zum Springen aufgefordert. „Träumst du“ sei immerhin der perfekte Spring-Song, so Dero, der ohnehin schon während des gesamten Auftritts wie eine Art hyperaktiver, irrer Matrosen-Clown über die Bühne fegt. Dieser Wunsch wird ihm natürlich nicht abgeschlagen und so steht nach wenigen Sekunden niemand in der Zeche mehr still.

Nach dieser sportlichen Einlage wird den Bochumern etwas ganz Besonderes geboten: Der Song „Wunschkind“, den die Band nach eigener Aussage bloß dreimal in fünfzehn Jahren gespielt hat. Dementsprechend branden lautstarke Bekundungen der Begeisterung auf, um „Wunschkind“ auch angemessen zu würdigen.

Wer Oomph! schon öfters live gesehen hat, dem dürfte wohl nicht entgangen sein, dass sich der Mann hinter den Drums verändert hat. So nimmt man sich die Zeit und stellt den neuen Schlagzeuger dem Publikum vor, welches ihn auch sofort mit freudigem Beifall Willkommen heißt.
Und wer Oomph! kennt, der weiß auch, dass diese Band sich nicht scheut, kritische Themen öffentlich anzusprechen und so zum Nachdenken anzuregen. Getreu nach diesem Motto fragt Dero nun seine Zuhörer, wer von ihnen denn ein richtiger Metaller sei. Wie erwartet schießen direkt Hände in die Höhe, woraufhin Dero eine Anekdote zum besten gibt, die besagt, dass die typische Metaller-Kleidung dadurch entstanden sei, dass der homosexuelle Judas-Priest-Sänger Rob Halford vor seinem ersten Konzert in den nächsten Schwulen-Fetischladen gegangen sei, um sich dort sein Outfit zu besorgen.
Wie eine solche Ansage beim Publikum ankommt, kann man wohl nicht voraussehen, doch die Bochumer bejubeln die Band für dieses indirekte Statement lautstark und kaum setzt der inhaltlich auf diese Thematik anspielende Song „Kleinstadtboy“ ein, haben sich die Zuhörer bereits wieder in eine kochende Menge erklingender Stimmen, klatschender Hände und springender Körper verwandelt.
Dass die Temperatur in der Zeche mit fortschreitender Zeit einige Grade in die Höhe geklettert ist, entgeht weder der Band, noch der Security, und so wird sich um die Fans gekümmert, indem Wasserflaschen von der Bühne geworfen und gefüllte Becher durch die Reihen gereicht werden.

War man eben noch in der Bandgeschichte beim aktuellen Album „Des Wahnsinns fette Beute“, rutscht man nun weit zurück, nämlich zum Debütalbum und dem ersten Song, den die Band je geschrieben hat: „Mein Herz“.
Es bleibt altehrwürdig und elektronisch mit „Der neue Gott“, begleitet von der Aufforderung ans Publikum „Bitte tanzen Sie jetzt.“ Dieser Bitte widersteht niemand und so bleibt das Publikum in Bewegung, während es in der Zeche wärmer und wärmer wird.

Plötzlich vollziehen die Herren in den Matrosenanzügen einen völligen Kurswechsel: Auf der Bühne wird es ruhig und allein vom Keyboard begleitet stimmt Dero die melancholische Ballade „Regen“ an. Während dieser eine ganz andere Seite seiner stimmlichen Fähigkeiten präsentiert, erheben sich vor ihm immer mehr Hände mit Feuerzeugen oder moderneren Lichtquellen in die Luft und wiegen sich andächtig im Takt des Stücks. Alle Blicke sind nahezu verträumt auf die zwei Musiker auf der Bühne gerichtet und so entsteht zwischen der bisher lauten, schnellen, wahnsinnigen Show von Oomph! ein ruhiger und atmosphärischer Moment.

Während das Publikum noch vollauf mit den Nachwirkungen der Ruhe und Melancholie beschäftigt scheint, stürmt bereits wieder die volle Besatzung zu ihren Mitmatrosen auf die Bühne und alles andere als bedächtig geht es schnell und gitarrenlastig mit „Niemand“ weiter, einem Song, der wie so viele an diesem Abend perfekt zum Hüpfen ist. So bebt erneut der Boden der Zeche, bis Dero höchstselbst springt – und zwar direkt hinein ins Publikum, welches ihn daraufhin eine Runde durch die Halle crowdsurfen lässt.
Wieder auf der Bühne angekommen, entsteht der „Bochum?“„Oomph!“- Dialog, auf welchen das ältere Stück „Gekreuzigt“ folgt.

Warum eigentlich diese Seemannskostümierung, der sich auch einige Zuschauer (insbesondere die weiblichen) angepasst haben? Die Antwort wird mit „Seemannsrose“ gegeben. Ein Schiffshorn ertönt und die verkleideten Damen werden auf die Bühne gebeten, wo sie sich bei den Musikern einhaken dürfen und das Publikum so zum Mitschunkeln animieren.
Doch bei einem Oomph!-Konzert darf es natürlich nicht allzu gemütlich werden, so wird prompt zu einer Wall of Death aufgefordert, die jedoch nur teilweise glückt und dazu führt, dass eine Horde Zuschauer wild durch die Gegend hüpfen und munter johlend ihre Mitmosher anrempeln, was besonders gut zu dem nun erklingenden Song „Mitten ins Herz“ funktioniert, wobei Dero es sich nicht nehmen lässt, erneut eine Runde durch das feiernde Publikum getragen zu werden.
Kuschelig wird es bei „Auf Kurs“, zu welchem Dero von einem Akkordeon und einer Akustikgitarre begleitet wird, danach werden die Bochumer gefragt „Wollt ihr Sex?“, woraufhin lautes Gejohle ertönt. Auf „Sex hat keine Macht“ folgt die Single des aktuellen Albums „Zwei Schritte vor“, auf der Bühne wird auf Gitarrensaiten und Drums eingedroschen, im Publikum wird fleißig im Takt gesprungen.
Der begeisterte Jubel scheint die Band jedoch noch immer nicht zufrieden zu stellen, denn Dero erklärt seiner Zuhörerschaft, dass sie ja auch nicht mehr die Jüngsten seien und somit schwerhörig. Der Lautstärkepegel in der Zeche steigt immer weiter, parallel zur Temperatur und der kritische Song „Sandmann“ wird „Angie fucking Merkel“ gewidmet und mit einem „Schäm dich, Deutschland!“ seitens Dero beendet.
Ein Stimmungskiller ist dies jedoch nicht, im Gegenteil werden die Bochumer nun dazu aufgefordert, sich selbst zu feiern und als dann der Oomph!-Hit „Augen auf“ zum Besten gegeben wird, erreicht die brodelnde Stimmung ihren Höhepunkt und niemand steht mehr still.

Eine kurze Verschnaufpause für Band und Publikum wird gegönnt, doch kaum sind die Musiker von der Bühne verschwunden, ertönen laute Forderungen nach einer Zugabe. Oomph! lassen sich nicht lang bitten und manch einer wird wohl verwirrt geblinzelt haben, als Dero stilsicher im pinken Dirndl die Bühne betritt. Ob man dies nun schön findet oder nicht, das Outfit unterstreicht jedoch die Botschaft des Stücks „Aus meiner Haut“ und die untermalenden Gestiken Deros tun ihr übriges.
Mit „Gott ist ein Popstar“ folgt ein weiterer Band-Hit, der dementsprechend bejubelt und gefeiert wird und als endgültiger Abschlusssong wird „Always look on the bright side of life“ gespielt, welcher nach gut zweieinhalb Stunden Spielzeit ein durch und durch glückliches, durchgeschwitztes und teilweise wohl auch heiseres Publikum in der Bochumer Zeche hinterlässt.

Bericht: Madlen & Marie
Fotos: Dani

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